Winterschlaf

Tiere machen Winterschlaf, Bären, Igel, Streifenhörnchen und Fledermäuse zum Beispiel. Nicht alle Winterschlaf betreibenden Säugetiere verschlafen im wörtlichen Sinne den Winter, es gibt Unterschiede. Aber ihnen gemeinsam ist, dass der Winter eine Phase der Ruhe und des Nichtstuns ist, draußen ist es ja ohnehin viel zu kalt. Und ich, ich mache in diesem Winter auch Winterschlaf. Dabei ist es draußen gar nicht mal so kalt. Bei mir hat das andere Gründe.

Dies hätte auch eine Weihnachtsgeschichte sein können und zu einem Teil ist sie es auch, weil sie eben zur Weihnachtszeit spielt, im Winter. Doch viel eher ist es eine Geschichte über Erholung, über Langeweile, über wenig, über Hindernisse und über Schlaf. Denn geschlafen habe ich in letzter Zeit eine Menge.

Es fing damit an, dass ich fremdgegangen bin. Statt mit meiner üblichen Truppe kickte ich an einem Montag im Dezember mit anderen fußballbegeisterten Männern. Der Termin war eine Stunde später als mein sonstiger und dazu näher, deshalb der kurzentschlossene Wechsel. Die Entscheidung endete im Krankenhaus. Dazu ist gleich zu sagen, dass mein Knöchel ganz ohne Fremdeinwirkung, einfach beim Umknicken, nicht mehr mitmachte. Ein falscher Schritt auf dem einigermaßen stumpfen Kunstrasen in der Halle ist verantwortlich für meine jetzige Lage. Es war mir im Grunde im Augenblick des Umknickens bereits klar: da ist was richtig schiefgegangen. Die Bestätigung der Mitkicker („Ich habe es bis zum anderen Tor knacken gehört!“) tat ihr Übriges. Im Krankenhaus dann folgten die ersten Erfahrungen fürs Leben.

Ich habe mich bisher selten schwer verletzt, mal einen Bänderriss und als Kind einen angebrochenen Arm. Dazu allerhand Kleinkram, vieles beim Sport, aber nichts so schlimm, dass ich mal ein paar Tage im Krankenhaus hätte verbringen müssen. Aber diesmal war der Knochen eben richtig durch. Wenn man nüchtern draufblickt, dann ist auch eine Fraktur des Wadenbeins, denn das habe ich (Typ Weber B), nicht ganz so dramatisch. Aber es hat mich in die Lage gebracht, neue Erfahrungen zu machen, um den gleich folgenden Wahnsinn mal möglichst positiv auszudrücken.

IMG_0805Angekommen im Krankenhaus sitze ich in einem Rollstuhl, den schwer geschwollenen Knöchel am rechten Bein nach vorne gereckt und stehe so im Gang der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt rum. Die Krankenwagenbesatzung ist in einem Raum verschwunden, auf dem Gang ist sonst niemand. Das Krankenhaus scheint an diesem Abend leer. Und ich fühle mich zum ersten Mal etwas seltsam, dort in meinem Rollstuhl, irgendwie hilflos. Ich denke spontan an Menschen, die wesentlich weniger Glück im Leben hatten als ich. Leer ist die BGU übrigens ganz und gar nicht. Eine Krankenschwester schiebt mich in ein Wartezimmer, erfasst, was passiert ist und nimmt die Krankenkassenkarte entgegen. Oder vielleicht sollte ich die Karte zuerst erwähnen, denn die hatte ich ja bereits im Krankenwagen rausholen müssen. Die Schwester versucht ein bisschen Smalltalk: „Und dafür rufen Sie den Krankenwagen? Da hätte Sie doch einer der Mitspieler bringen können. Und dann beschweren sich wieder die Leute, wenn beim nächsten Herzinfarkt kein Krankenwagen zur Stelle ist..“ Ich bin mehr oder weniger schockiert und reagiere auch so. Sie beschwichtigt mich, habe es ja nicht so gemeint. Aber wann soll man denn sonst einen Krankenwagen rufen? Erste Lektion: offenbar erst, wenn man ihn selbst nicht mehr rufen kann (,was ich im Übrigen auch hier nicht getan habe). Doch bin ich dankbar, dass ich nicht auf zwei Mitspieler gestützt die gebrochenen Gräten weiter malträtiert habe, sondern gleich professionell abtransportiert wurde.

Ich verbringe an diesem ersten Abend gut vier Stunden im Krankenhaus. Denn der diensthabende Assistenzarzt betreut die Station und die Notaufnahme. Alleine. Alltag. Seine Analyse: Das Wadenbein ist knapp über dem Knöchel gebrochen und eventuell ist auch das Syndesmoseband gerissen, das verrät die Röntgenaufnahme aber nicht. Eine Operation sei in jedem Fall notwendig, sagt der Arzt, drückt mir Krücken in die Hand und verlässt mich mit den Worten, ich solle schon um 8 am nächsten Morgen zur weiteren Behandlung wieder da sein. Das bin ich auch, nach wenig Schlaf und dank der Familie, denn ich bin ja ab sofort nicht mehr besonders eigenständig. Der Lohn für das frühe Aufstehen nach dem späten Unglück: ein weiterer Arzt kommt nach ein wenig Wartezeit vorbei, blickt kurz auf das Bein und erklärt mir, ich könne jetzt wieder gehen. Wann operiert wird, soll ich per Telefon erfahren. Und mit den Rezepten vom Vorabend müsse ich schnell zur Apotheke. Und zum Hausarzt für eine Krankschreibung.

Normalerweise bin ich nicht krank, so gut wie nie, und jetzt, nachdem ich ernsthaft Probleme mit der Beweglichkeit habe, soll ich von Krankenhaus zu Arzt und Apotheke springen. Lustiges System. Warum ich an diesem Morgen überhaupt kommen musste, ist mir bis heute ein Rätsel, kann man wahrscheinlich ganz gut abrechnen. Drei Tage später jedenfalls soll ich erneut vorstellig werden, die Vorbesprechung zur Operation steht an. Es werden allerhand Zettel ausgefüllt und unterschrieben, eine Chirurgin erklärt mir die Operation. Am Bruch entlang soll eine Schiene aus Titan mit einigen Schrauben befestigt werden. Dann folgt der Höhepunkt des Tages, die Aufklärung über die verschiedenen Narkosetechniken und die damit verbundenen Risiken. Ich kann es kurz machen, von Tod bis Querschnittslähmung ist alles dabei, die Unterschiede bei den Risiken von Vollnarkose oder Spinalanästhesie sind im Grunde marginal, obwohl die Vollnarkose natürlich ein wenig mehr Risiken birgt. Den Zettel, der belegt, dass ich ordentlich aufgeklärt wurde, hatte ich ohnehin vorher schon unterschrieben. Die Anästhesistin stellt es mir frei, für welche der Narkosen ich mich entscheide. Ist ja toll, ich habe Auswahl. Nur Ahnung habe ich nicht, es ist ja schließlich und glücklicherweise meine erste Operation. Und so wähle ich die spinale Betäubung. Ja, das ist die mit der Spritze in den Rücken, NICHT ins Knochenmark, wie auch die Ärztin betont. Beim Einstich könne sie im schlimmsten Fall einige Nervenstränge erwischen, doch das sei äußerst selten: „Die sind wie Spaghetti, die so im kochenden Wasser herumschwimmen. Selbst, wenn ich sie treffe, geben sie normalerweise nach und es passiert nichts.“ Diese Vorbesprechung zur Operation ist also ein echter Mutmacher. Mein Fuß ist übrigens abgeschwollen und meldet sich operationsbereit, es könnte losgehen. Geht es aber nicht, denn in der BGU ist an diesem Freitag vor Weihnachten noch kein Platz, ich darf Montag wiederkommen, am 22.Dezember. Läuft bei mir.

Zwei Tage vor Heiligabend also bin ich wieder im Krankenhaus, die 600er IBUs halfen bis dahin ganz gut über den Tag, das Setzen der prophylaktischen Thrombosespritze nervte bereits kolossal. Und jetzt also meine erste Operation. Mein erster Schultag, mein erstes Auto, meine erste Operation; ich bin spät dran wie diese Reihenfolge zeigt. Eigentlich bin ich aber ziemlich früh, denn schon um 6:30 Uhr soll ich da sein und bin es natürlich auch, voller liebgemeinter Ratschläge und entschlossen die Entscheidung zur spinalen Betäubung zu revidieren und stattdessen eine Vollnarkose zu wählen. Nur die mir eigene Neugierde lässt letzte Zweifel an diesem Entschluss. Ich rechne mit Wartezeit und bin zunächst auch mal ein Mann im Rollstuhl mit einem Zettel auf dem eine Nummer steht. Warten. Ich bin Kassenpatient. Ich zahle eine überschaubare Summe an die Techniker Krankenkasse, auf jeden Fall weniger als all die Menschen, die nach mir kommen und vor mir dran sind. Aber es geht doch schneller, als ich befürchtet habe. Schon um halb neun habe ich ein Bett auf Station A5. Richtig los geht es allerdings erst um 13 Uhr. Meine neuen Freunde im Viererzimmer (ganz zu Beginn liegt ein kleiner Junge noch als fünfter Patient mitten im Raum) werden sich später als wirklich witzige Zeitgenossen erweisen. Zwei von ihnen haben auch was am Bein, sind schon länger da und bei ihnen ist es wesentlich komplizierter als bei mir. Der Student neben mir hat sich den Ellenbogen gebrochen, er ist wie ich heute um 6:30 Uhr erschienen. Wir warten. Irgendwann am Vormittag dann, der kleine Junge durfte bereits nach Hause, wird einer der Erfahreneren abgeholt. „Tschüss und viel Erfolg.“ Unser Zimmer hält zusammen. Nur wieder zurück kommt er erstmal nicht und aus dem Fenster kann ich beobachten wie immer wieder der Helikopter landet. Das ist zwar normal für eine Unfallklinik, aber die Wahrscheinlichkeit, dass mein OP-Termin sich verschiebt, steigt natürlich. Essen und trinken ist nicht erlaubt, nur ein paar Schluck Wasser in der Not. Und so warten mein Bettnachbar und ich auf Neuigkeiten. Irgendwann am frühen Nachmittag wird der operierte Zimmernachbar wieder zu uns hereingeschoben. Er ist ziemlich auf Schmerzmitteln, denn eine mehrstündige Operation – und ich bin mir sicher, dass sie hervorragend ausgeführt wurde – ist einfach kein Vergnügen. Er schläft. Wir warten. Statt 13 Uhr ist der Termin bei mir schnell 16:30 Uhr und dann 21 Uhr. Dem Ellenbogen wird ganz abgesagt für heute, immerhin bekommt er Abendbrot und ich schließlich die frohe Kunde: um 23:45 Uhr wird operiert, also heute noch. Freude?

Die Krankenschwester kommt ins Zimmer und fordert mich auf, die fein säuberlich rausgelegten Sachen anzuziehen. Es geht also los. Eine weiße Netzunterhose, ein hinten offener Kittel und eine Haube für den Kopf sind das Operationsoutfit. Dann werde ich hinausgeschoben. Vor dem Operationsbereich muss ich mich über eine Schleuse schwingen. Das ginge auch vollautomatisch, aber wenn ich es selbst kann, geht es schneller. Und ich bin geradezu motiviert jetzt operiert zu werden. Im Betäubungsraum werde ich zunächst untersucht. Alle fünf Minuten Blutdruck messen, den Puls sowieso. Anfangs bin ich tatsächlich aufgeregt, die Maschine zeigt es an, doch schnell hat sich das gelegt. Und noch etwas, im Gespräch mit der Anästhesistin entschließe ich mich doch für die spinale Betäubung. Gute Entscheidung, denn sonst wäre hier jetzt Pause. So bekomme ich weiter alles mit. Zunächst jedoch den unerfreulichsten Teil des Krankenhausaufenthalts. Auf meiner Liege sitze ich leicht nach vorne gebeugt, die Beine natürlich ausgestreckt, so wie es mir meine beiden Betreuerinnen gesagt haben. Dann kommt die Spritze. Der Rücken wird zunächst mit einer kalten Paste eingerieben und aaaaaaaauuuuuu. Der Schmerz lässt nicht nach. Ich sage deutlich wie weh es tut, die Ärztin sagt mitleidig, es sei gleich vorbei. Ist es nicht. Es tut wirklich wirklich weh. Die Gedanken schießen in meinen Kopf. Was, wenn sie doch daneben gestochen hat? Wie war das mit den Risiken? Dann ist es endlich weg, so einigermaßen, denn ein bisschen verkrampft bin ich schon. Ich bewege meine Beine. Sollten die jetzt nicht betäubt sein? Nein, erst gleich. Ich bin froh, dass der Schmerz abklingt. Eine Schwester verspricht mir etwas zum Schlafen zu geben während der Operation. Über meine linke Hand hänge ich ohnehin am Tropf. Jetzt besprüht mich die Schwester mit kaltem Wasser, um herauszufinden, ob ich das spüre. Wenn nicht, wirkt die Betäubung. Meine Beine kribbeln. Sie wirkt. Noch während ich in den Operationssaal geschoben werde, kann ich aber meine Beine bewegen, die Ärztin findet das normal, nur den Schmerz soll ich ja nicht spüren.

Grelles Licht von oben. Ich bin drin. Mir wird ein bisschen schwindelig. Doch mein Körper ist jetzt eine Maschine, leicht zu steuern über den Zufluss in meiner linken Hand. Ein wenig Flüssigkeit, schon geht es wieder. Nur einschlafen tue ich nicht. Und so bin ich voll dabei und plötzlich auch wieder zuversichtlich. Die operierenden Ärzte haben mich begrüßt und bereiten sich vor. Chirurgen sind ja doch irgendwie Metzger, also ziehen sie eine dicke Schürze über. „Macht es ordentlich, Jungs.“ Ich kann schon wieder scherzen, die Ärzte lachen. Es ist kurz nach Mitternacht, wer weiß wie lange sie schon operieren müssen, aber ich habe Vertrauen. Anfangs unterhält sich die Anästhesistin mit mir, das ist gut, denn es ist zwar spannend so viel mitzubekommen, aber alles will ich dann ja doch nicht hören. Tue ich nachher aber ohnehin. Erst werden meine Haare am Knöchel abrasiert. Ich spüre auch, wenn die Ärzte an meinem kaputten Bein herumhantieren, nur was genau sie machen weiß ich nicht, da ein Sichtschutz aufgebaut wurde. Besser so. „Sagen Sie mir, ob das Syndesmoseband auch gerissen ist?“ Ich will wissen, ob zur Schiene auch noch eine große Schraube durch Schien- und Wadenbein kommt. „Herr Zimmermann, Sie erfahren es als Erster.“ Der Arzt ist gut drauf, das macht Mut. Kurze Zeit später ist er an meinem Kopf. „Also, Sie bekommen keine Schraube, das Band sehen wir zwar nicht, da ist zu viel Blut, aber das Gelenk ist stabil.“ Super, eine gute Information und sie hätte mir in dieser Form auch gereicht. Hätte. „Wir haben mit zwei großen Zangen ihr Wadenbein gepackt und daran gezogen. Alles stabil.“ Nicht dran denken, nicht vorstellen, was die da gerade so machen. Das Bein muss also längst aufgeschnitten worden sein.

Ich komme ganz gut klar mit der Situation, auch wenn es gruselig ist, den Bohrer zu hören. Immerhin bohren die Ärzte in meinen Knochen rum. Oder, wenn es ans Schrauben geht. Die Bewegung kann ich nachempfinden, vorher diskutieren die Experten noch über die Schraubengröße. Davon hatte ein Kollege mir schon im Vorfeld berichtet, aber ich finde es gar nicht so schlimm, sie sollen ja passen. Die Operation dauert nicht ganz eine Stunde. Dann habe ich es geschafft. „Wir nähen Sie jetzt zu.“ Das letzte Bild, das mir aus dem Operationssaal in Erinnerung bleibt: der Tisch mit den blutverschmierten Operationswerkzeugen. Aber ich kann darüber lachen.

Der Vorteil der Spinalanästhesie ist, dass ich nun sofort zurück in mein Zimmer kann. Es ist halb zwei, als der Krankenpfleger mich verlässt. Zwei Stunden später ist er wieder da, denn die Betäubung lässt nach, die Schmerzen kommen. Die Opiate helfen nicht wirklich, an Schlaf ist erstmal nicht zu denken. Am nächsten Vormittag habe ich dann doch ein wenig schlafen können. Von den starken Schmerzmitteln bin ich im Kopf ganz benommen, aber nicht nur da. Denn die Betäubung der Beine ist zwar fast weg, aber an meinem Unterleib spüre ich noch gar nichts. Worauf liege ich eigentlich? Die Pobacken sind noch da. Erst als dieses wirklich ungute Gefühl im Laufe des Tages vorüber geht, kann ich mich entspannen. An diesem Tag vor Heiligabend bekomme ich jede Menge Besuch, das tut gut. Das Kontrastprogramm beginnt einen Tag später. Denn an Heiligabend im Krankenhaus zu sein ist ziemlich uncool.

Alleihnachten. Als eine Blaskapelle auf dem Gang meiner Station beginnt Weihnachtslieder zu spielen, da ist es uns allen hier, mir und meinen drei Zimmergenossen, ganz klar: Weihnachten entfällt in diesem Jahr.  Kurz nach Beginn des Geplärres da auf dem Gang steckt eine Krankenschwester den Kopf ins Zimmer: „Tür auf oder Tür zu?“ Tür zu, sagen wir. Ohne zu zögern. Es ist überhaupt nicht so, dass wir hier in Selbstmitleid ertrinken würden, ganz im Gegenteil, eigentlich sind wir eine trotz der Verletzungen recht muntere Truppe. Es gibt viel zu lachen, denn wir nehmen das Treiben in der Klinik nicht ganz so ernst. An einem Morgen kommt Krankenschwester Rosi völlig aufgeregt ins Zimmer. Sie herrscht uns an, kritisiert die Unordnung. Kurze Zeit später wissen wir warum. Der Klinikchef kommt. Visiten sind für Patienten ja ohnehin eine etwas seltsame Angelegenheit. Die Ärzte kommen und fragen nach und geben eventuell auch ein paar Anweisungen, doch im Grunde geht es furchtbar schnell. Heilen braucht eben Zeit und der Arzt kann nach der Operation ohnehin nicht viel tun. Wenn aber der Chef der Klinik kommt, dann erhält die Visite eine ganz andere Qualität. Es ist so ziemlich das absurdeste Schauspiel, das ich je gesehen habe. Erst sind die Schwestern ganz narrisch, vor Aufregung, und dann geht die Tür auf und es hagelt weiße Kittel. Der Klinikchef hat sie alle dabei. Doktoren, Assistenzärzte, Doktoranden, was weiß ich. Auf jeden Fall sind plötzlich mehr als 20 Personen in unserem Viererzimmer, sie alle tragen weiße Kittel und machen ein furchtbar wichtiges Gesicht. Unser zuständiger Stationsarzt betet dem Boss vor, was wir so haben und wie es uns so geht. Er wirkt geradezu hippelig. Die Hierarchie im Raum ist erdrückend. Und dann, ganz wie bei der normalen Visite, ist das Schauspiel auch schon vorbei. Wir können nicht anders und müssen lachen. Die Reaktion: verständnislose Blicke der Götter in weiß.

Rosi lacht später mit uns. Die Betreuung ist generell sehr gut, also geht es uns eigentlich ziemlich ordentlich. Nur Weihnachten, das brauchen wir hier eben nicht. Immerhin, wir haben einen Tannenbaum. Er ist aus Plastik, 15 Zentimeter groß, geschmückt mit einer hässlichen weißen Perlenkette und seine Lichter leuchten in bunten Farben. Ein grausames kleines Ding. Absolut scheußlich. Und der perfekte Baum für ein Weihnachtsfest hier im Krankenhaus. Wir wollen einfach nicht so tun, als sei es hier schön. Das wäre nur ein Vorgeben, ein So-tun-als-ob. Meine Eltern und Geschwister sind an Heiligabend auch nicht hier gewesen, aber das war nicht so tragisch. Klar, ein bisschen einsam war ich schon, aber so ist das eben an Weihnachten. Da kommen alle Familien irgendwo zusammen und wer bei diesem Treiben zum Außenseiter wird, der ist wirklich außen vor.

Am ersten Weihnachtsfeiertag sehe ich bei der Visite meine Röntgenaufnahme, die Ärzte sind zufriedIMG_0855en. Dort, wo Schien- und Wadenbein zusammenkommen, ist mein Wadenbein gebrochen. Jetzt befindet sich da eine kleine Schraube. Und zur Stabilisierung des ganzen Gelenks ist am Wadenbein entlang eine Schiene mit weiteren sechs Schrauben befestigt. Verrückt, was alles so geht. Ich muss außerdem zum Gipsen, denn meine Gipsschiene ist gebrochen, ich bekomme eine neue aus Kunststoff, das hält besser. Mein Bein ist ganz orange von der Paste, die bei der Operation darauf geschmiert wurde. Und wenn ich es mir so anschaue, stelle ich fest, wie klein es geworden ist. Die Muskeln in der Wade sind schon arg geschrumpft. Immerhin kann ich vorsichtige Treppenlaufübungen machen. Mit den Krücken und am Geländer ist das alles gar nicht so schwer. Über was man sich so freut, wenn man nichts kann außer rumliegen. Schon bei jedem Aufstehen muss ich mich ja zwingen, nur das eine Bein zu belasten.

Und dann, am zweiten Weihnachtsfeiertag, darf ich gehen. Die Klinik hat mir sogar ein Weihnachtsgeschenk gemacht, einen orthopädischen Schuh, den soll ich dann irgendwann anziehen. Daheim beginnt der Winterschlaf. Denn das Bein soll vor allem eins: höher liegen als mein Herz. Meine Stammposition ist also auf dem Sofa. Ich türme mir einen Kissenberg auf, zur Beinablage. Den gibt es fortan auf dem Sofa und im Bett, denn auch beim Schlafen soll das Bein ja oben liegen. Klingt eigentlich einfach. Aber das ist es nicht. Denn die Zeit der Hindernisse hat begonnen. Wie transportiere ich denn eigentlich die Kissen von einem Ort zu einem anderen? An meinen Händen ist ja die Krücke. Ich mache seltsame Verrenkungen, nutze die Zähne zum Rumtragen und werfe und bin dabei vor allem eins: langsam. Alles, was ich machen will, dauert und strengt an. Ich bemerke Dinge, die mir vorher noch nie so richtig aufgefallen sind. Zum Beispiel, dass meine Toilette sehr niedrig ist. Normalerweise interessiert das nicht, aber wenn man sich hinsetzen möchte, ohne das so richtig zu können, dann ist ein Fallenlassen auf etwas Niedriges doch zumindest auffällig. Wäsche waschen geht. Naja, so halb. Meine liebe Familie muss mir die Wäsche zur Maschine bringen, dann geht es leicht. Nur wenn sie dann trocken ist, bin ich wieder hilflos. Ja, ich könnte jedes Kleidungsstück einzeln transportieren, unter den Arm geklemmt oder so, aber so richtig zielführend ist das nicht. Und so hänge ich vor allem rum, schaue so viel Fernsehen, Serien, vor allem Sport wie selten zuvor. Das ist entspannend, aber nicht besonders zufriedenstellend. Nur sollte ich es anfangs auch nicht übertreiben. Das merke ich jedes Mal, wenn ich es dann doch tue. Beim Kochen etwa. Da hüpfe ich dann auf dem mächtig gewordenen linken Bein herum. Vom Herd zum Schneidebrett, von dort zur Spüle. Im Anschluss schmerzen beide Beine. Das eine vor Anstrengung, das andere, weil rumhüpfen auch nicht zu den empfohlenen Bewegungsarten bei Knöchelbruch gehört. Und dann der Moment, in dem ich die Nudeln abschütten will. Da stehe ich vor dem mit heißem Wasser gefüllten Topf und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Hüpfend transportiere ich ihn eher nicht. Entweder ich mache es äußerst langsam und vorsichtig oder ich rufe um Hilfe.

Tagsüber liege ich meistens rum und atme. Langeweile kann ja auch was Gutes haben, ab und zu, aber auf Dauer ist ein Knöchelbruch einfach keine gute Sache, kann ich nicht weiterempfehlen. Schmerzen gibt es irgendwann keine mehr, auch Fortschritte im wahrsten Sinne kann ich vermelden. Doch leicht ist es nicht, wenn man so oft nicht kann, was man will. Das Nachdenken ist gut und wichtig, einige Dinge habe ich in mir klarstellen können, dafür war genug Zeit. Und doch lenke ich mich hauptsächlich ab. Tagsüber kann aber immer noch kein vernünftiger Mensch den Fernseher anschalten. (Es sei denn es läuft Livesport.) Also bleibe ich abends länger wach, viel länger. Teilweise verschiebt sich mein Tagesablauf um mehrere Stunden, dafür habe ich entdeckt, dass Ruhe am Mittag Sinn macht. Ich mache also Winterschlaf. Hauptsächlich mittags.

(Die Fäden sind übrigens mittlerweile raus. Die Ärzte haben super Arbeit geleistet und ich bin sehr zufrieden damit, dass der Winterschlaf bald vorbei sein dürfte.)

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2 Kommentare

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  1. Weihnachten einmal Anders – da lernt man die klassische Variante schätzen 🙂

  2. Hanno Zimmermann 31. Januar 2015 — 18:31

    Die Klinik Chef Visite. Eine herrliche Persiflage auf die unsterblichen Götter in Weiß.

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