Die beste Regenzeit der Welt.

Ankunft nach gut elf Stunden Flug in Montego Bay, Jamaika. Es ist heiß. 31 Grad Celsius. Nur hier in der Karibik fühlt sich das nicht IMG_5791an wie 31 Grad, eher 40 Grad. Dazu ist im Juni Regenzeit. Auf was haben wir uns da nur eingelassen.

Es wird die beste Regenzeit der Welt. Doch das stellt sich erst noch raus.

Wir fahren mit einem kleinen Bus des Unternehmens Island Routes und sind die einzigen Mitfahrer. Die Klimaanlage brummt, es ist im Bus eigentlich viel zu kalt, aber das wollen wir, die unwissenden Touristen aus dem fernen Deutschland, ja sicherlich so. Der Fahrer Eugene ist nett. Er erzählt, er fragt, er kennt „Lothar Matthaus und Jurgen Klinsmann“ und er hupt. Er hupt ständig. Im Stadtverkehr sowieso. Aber auch sonst. Eugene hupt, wenn er schneller ist als sein Vordermann, er hupt, wenn er dabei ist zu überholen, er hupt, wenn er an einer Straße vorbeifährt, aus der ein Wagen kommen könnte, er hupt, wenn Menschen am Rand der Straße laufen und er hupt auch, wenn eine Kurve kommt, die nicht so gut einzusehen ist. Das Schöne daran: nicht nur Eugene macht das so. Es gehört in Jamaika zu der ersten und wichtigsten Lektion in der Fahrstunde. Nicht der Linksverkehr zeichnet Jamaika aus, den gibt es auch anderswo außerhalb Europas, aber das Hupen, das habe ich so noch nirgends erlebt. Es ist übrigens super-sinnvoll, denn man bekommt das Gefühl, dass in den Spiegel schauen nicht zu den wichtigen Fahrschullektionen gehört. Aber wozu denn auch? Eugene hupt ja, wenn er angebraust kommt.

Unser Hotel befindet sich in Negril, am 7-mile-beach, einer echten Touristengegend. Das Travellers Beach Resort ist das vorletzte Hotel in Richtung des kleinen Ortes Negril. Am anderen Ende des Traumstrands befinden sich die großen Hotelanlagen, fünf Sterne, all inclusive, viel Strand, viele Liegen. Die Größe der zu den Hotels gehörenden Strandabschnitte wird immer kleiner, wenn man von den Luxusabsteigen in Richtung unseres bescheidenen Hotels spaziert. Bei uns stehen zwölf Liegen am Strand und an den Füßen beginnt quasi das Meer. Es ist wunderbar. Unser Hotel, sauber, familiär, klein aber fein. Und das Meer sowieso. Jeden Morgen dieser unfassbare Anblick. Wie kann das denn sein, dass es schon wieder so sensationell hellblau, türkis, bläulich-schimmernd aussieht.

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Wenn wir so den elf Kilometer langen Sandstrand entlang spazieren, begeistert mich die Möglichkeit mal eben nach links oder auf dem Rückweg nach rechts abzubiegen und einfach hineinzulaufen, in dieses klare, warme Wasser ohne viele Wellen. Ich mag Wellen. Ich liebe den Atlantik. Ich bin kein besonderer Fan des Mittelmeers, zu langweilig. Aber dieses karibische Meer, das könnte ich mir jeden Tag anschauen, wie es so daliegt, endlos. Und vor allem endlos schön.

Am Strand wird natürlich viel verkauft. Unsere favorisierte Obstfrau trägt den ganzen Tag ihren riesigen Korb auf dem Kopf. „Any Mango, any pineapple, any Avocado.“ Es macht zwar Freude sich über die ständigen Rufe, die wie „anymango“ klingen, ein wenig zu amüsieren, aber vor allem bewundere ich die bestimmt 50-jährige, die sich von mir und anderen Touristen bei ihren Zwischenstopps den ziemlich schweren Korb vom Kopf heben lässt. Sie kommt jeden Tag, immer fröhlich, immer rufend. Außer Früchten gibt es natürlich Arm- und Fußbänder, sowie „any massage for the lady“ und „any barbering for the gentleman“. An den vielen Strandhütten gibt es das Nationalgericht Jerk Chicken, Hühnchen in einer sehr würzigen und scharfen Soße und das berühmte Red Stripe Beer. Sehr lecker. Doch zum Essen gleich noch mehr.

 

Zuerst aber zu unserem Reisemonat, dem Juni. Regenzeit, wie gesagt. Beim Buchen hatten wir überlegt wo es hingehen könnte. Island? Reizvoll. Kommt auch noch, aber jetzt sollte es ein Sommerurlaub sein, ein echter. Sri Lanka? Wo gerade alle hinfahren. Bestimmt super, aber im Juni auch regnerisch und vor allem stürmisch, zu spät. Dann ploppte Jamaika auf. Mit Condor für unter 600 Euro hin und zurück, Direktflug ab Frankfurt. Sensationell. Regenzeit halt. Aber was heißt das in Jamaika? Die Angaben in Reiseführern und Blogs variieren stark. Ich sage euch ganz genau, was es heißt: jeden Tag Unwetter, dichte graue Wolken, Regen. Aber das stört kein bisschen! Und hat vor allem einen ganz großen Effekt: es scheint so sehr abzuschrecken, dass der Juni der beste Reisemonat für Jamaika ist, den ich mir vorstellen kann. Kein Mensch traut sich her. Na jedenfalls im Vergleich zu anderen Monaten. In der ersten unserer zwei Wochen sind wir quasi alleine. Es stimmt zwar, was im Reiseführer steht, dass die Strände in Negril alle touristisch erschlossen sind und einsame Palmen unauffindbar. Aber im Juni, in der Regenzeit, da ist so wenig los, dass es eben doch manchmal so ist: alleine im Paradies. Perfekt. Der Regen selbst ist ein Witz. Erst ziehen wirklich dunkle Wolken auf, bedrohlich, aber eben auch wunderschön. Es kann blitzen, donnern und schließlich fallen auch ein paar Tropfen. Aber entweder man verbringt die maximal einstündige Regenpause im Zimmer oder man setzt sich zum Essen in ein Restaurant oder man wird eben kurz nass. Nicht unangenehm und wenn es nicht blitzt, kann man dazu auch gleich ins Wasser gehen, was solls. Eine Stunde später scheint dann wieder die Sonne und es ist natürlich genauso warm wie vorher. Nicht ein einziges Mal haben uns die Wolken gestört. Es ist die beste Regenzeit der Welt.

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Der wohl touristischste Ort Jamaikas ist Rick’s Café. Es ist teuer, es ist voll und es ist einer der besten Orte, an denen ich je gewesen bin. Rick’s Café ist wunderbar. Alle zehn Jahre wird es von einem Hurricane zerstört und danach wieder aufgebaut. Ein paar Kilometer außerhalb Negrils, ganz im Westen Jamaikas, liegt es oben auf den Klippen, die 20 Meter tief ins Meer stürzen. Große gefleckte Adlerrochen sind hier unterwegs, noch größere Katamarane bringen Touristen hier her. Wir kommen mit Jacky, einer Fahrerin vom Hotel. Beim Abliefern drückt sie uns ein kleines Telefon in die Hand, wir sollen sie anrufen zum Abholen. Ganz normal. Rick’s Café ist Live-Musik, Klippenspringen, Sonnenuntergang schauen, dabei Snapper und Jerk Chicken essen und Red Stripe Beer trinken. Die Sonne brennt in unseren Gesichtern, wir sitzen an einem erhöhten Tisch direkt an der Klippe, der Wind weht uns leicht um die Nase, um uns herum herrscht Trubel und absolute Ruhe. Trubel im größtenteils unter freiem Himmel liegenden Café, Ruhe aber bis zum Horizont auf  dem vor uns liegenden Meer. Dieser Blick. Mir wird jetzt noch beim Schreiben ganz warm ums Herz, wenn ich daran denke. Rick’s Café ist einer dieser Orte, für die es sich lohnt eine Reise zu machen. Wir kommen zwei Mal. Beim zweiten Mal springen wir auch. Denn außer der wirklich unglaublichen Atmosphäre bietet das Café auch einen Spot zum Klippenspringen. 35 Fuß hoch, 11,66 Meter. Wir springen beide, landen in leichter Rückenlage teilweise auf dem Hintern. Doch die Schmerzen sind längst vergessen, nicht aber die Erinnerung an diesen Sprung. Ach, und der Sonnenuntergang.

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Nun zum Essen. Unser Hotel bietet schon zum Frühstück das meiste von dem an, was typisch Jamaikanisch ist. Erwähnenswert sind vor allem escovitch fish, ackee and saltfish und johnnycake. Alle drei werde ich nicht wirklich vermissen, aber wir haben natürlich alles probiert und teilweise hat es auch geschmeckt. Johnnycake gefiel uns am besten. Das ist einfach frittierter Teig in Form eines kleinen Balles. Ein bisschen mächtig, aber lecker. Ganz anders als zum Beispiel Brotfrucht. Keine Ahnung wozu es die gibt. Escovitch fish und ackee and saltfish sind vor allem zum Frühstück für unsere europäischen Mägen eine Besonderheit. Das Erste ist Fisch in einer Panade, schmeckt gut, aber jeden Tag könnte ich das wirklich nicht frühstücken. Das Zweite ist eine Frucht mit gesalzenem Fisch, viele Gräten, ebenfalls warm und extrem salzig, interessant. Sag ich jetzt mal so. Ansonsten würde ich aber immer empfehlen Fisch oder Hühnchen zu essen, Jamaikas Küche ist würzig, aber gekonnt würzig. Nur Fleischgerichte oder amerikanische Hamburger sind nicht unbedingt zu empfehlen. Unser Lieblingsrestaurant befindet sich im Hotel Kuyaba, hier arbeitet anscheinend ein wirklich hervorragender Koch. Wer den bird of paradise probiert, dabei natürlich Meerblick hat, weiß, was ich meine.

Schnorcheln in Negril ist was für Anfänger. So wie wir. Wer mehr Erfahrung mit Schnorcheln und Tauchen hat, für den ist es vielleicht etwas langweilig, aber wir erleben wirklich spannende Stunden mit Captain Bill auf dem glassbottom boat und anschließend im Wasser. Bunte Fische, Korallen und jede Menge Seeigel bei total ruhigem Wasser.

Zum Abschluss unseres Urlaubs machen wir einen Ausflug zu den Mayfield Falls. In den Bergen, ein gutes Stück im Landesinneren, entspringt ein eiskalter Fluss mit vielen kleinen Wasserfällen. Mit Guide Toni gehen wir den eiskalten Bergbach entlang, lassen uns von der Kraft der kleinen Wasserfälle treiben, und schauen dabei nach oben auf ein Dach aus Bambus und Lianen, 30 Meter hoch, echter Urwald. Unfassbar. Das kalte Wasser im warmen Jamaika ist extrem wohltuend, ob die 17 Mineralien von denen Toni berichtet nun drin sind oder auch nicht. Wir springen von einem Baum in den Fluss, verstecken uns im Felsen hinter einem Wasserfall, tauchen unter einem Felsbrocken durch und reiben uns mit Schlamm ein. „A natural spa“, verspricht Toni. Wir seien 12 Jahre jünger danach.

Wieder 16 gehe ich am nächsten Tag zur Bank. Negril ist nicht billig, vor allem das Essen nicht. Wir brauchen Bargeld. Gängige Karten werden akzeptiert. Ich will 100 Dollar abheben. Eine Gebühr erscheint, ich klicke ok, mein Geld wird ausgezahlt. Es sind 100 Jamaika-Dollar. Ein schöner Geldschein, nur leider nichts wert. 100 Jamaika-Dollar sind etwa ein Euro. Insgesamt kostet mich die Auszahlung dieses Scheins 9,74 €. Wir geben den Schein einem Bettler vor der Tür der Bank. Na, das hat sich ja gelohnt. Kann ich jetzt wieder 28 sein? Bitte?

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